Gedicht des Monats September

Fünf Finger

Fünf Finger stehen hier und fragen:

"Wer kann wohl den Apfel tragen?"

Der erste Finger kann es nicht.

Der zweitre sagt: "Zu viel Gewicht!"

Der dritte kann ihn auch nicht heben.

Der vierte schafft das nie im Leben!

Der fünfte Finger aber spricht:

"Ganz allein...... geht das wohl nicht."

Gemeinsam heben kurz darauf

fünf Finger diesen Apfel auf.

 


Gedicht des Monats Juli

Sie war ein Blümlein

Kleines Wiesenvögelchen mit Biene auf Sonnenhut
Kleines Wiesenvögelchen mit Biene auf Sonnenhut

Sie war ein Blümlein hübsch und fein,

hell aufgeblüht im Sonnenschein.

Er war ein junger Schmetterling,

der selig an der Blume hing.

Oft kam ein Bienlein mit Gebrumm

und nascht und säuselt da herum.

Oft kroch ein Käfer kribbelkrab

am hübschen Blümlein auf und ab.

Ach Gott, wie das dem Schmetterling

so schmerzlich durch die Seele ging.

Doch was am meisten ihn entsetzt,

das Allerschlimmste kam zuletzt:

Ein alter Esel fraß die ganze

von ihm so heiß geliebte Pflanze!

 

Wilhelm Busch (1832-1908)

Esel
Esel

Gedicht des Monats Juni

Das ästhetische Wiesel

Großes Wiesel oder auch Hermelin
Großes Wiesel oder auch Hermelin

Ein Wiesel

saß auf einem Kiesel

inmitten Bachgeriesel.

 

Wisst ihr

weshalb?

 

Das Mondkalb

verriet es mir

im Stillen:

Das raffinierte Tier

tat's um des Reimes willen.

 

Christian Morgenstern (1871-1914)

Bachgeriesel mit Kiesel ohne Wiesel
Bachgeriesel mit Kiesel ohne Wiesel

(ästhetisch = Das Wiesel hat einen Sinn für alles Schöne und Harmonische.

raffiniert = pfiffig, schlau, klug)


Gedicht des Monats Mai

5. Streich (aus: Max und Moritz)

Wer in Dorfe oder Stadt einen Onkel wohnen hat, der sei höflich und bescheiden, denn das mag der Onkel leiden. Morgens sagt man: »Guten Morgen! Haben Sie was zu besorgen?« Bringt ihm, was er haben muß: Zeitung, Pfeife, Fidibus. Oder sollt' es wo im Rücken drücken, beißen oder zwicken, gleich ist man mit Freudigkeit dienstbeflissen und bereit. Oder sei's nach einer Prise, daß der Onkel heftig niese, ruft man: »Prosit!« alsogleich. »Danke!« - »Wohl bekomm' es Euch!« Oder kommt er spät nach Haus, zieht man ihm die Stiefel aus, holt Pantoffel, Schlafrock, Mütze,

daß er nicht im Kalten sitze - Kurz, man ist darauf bedacht, was dem Onkel Freude macht. Max und Moritz ihrerseits fanden darin keinen Reiz. Denkt euch nur, welch schlechten Witz machten sie mit Onkel Fritz!

Jeder weiß, was so ein Maikäfer
für ein Vogel sei.
In den Bäumen hin und her
Fliegt und kriecht und krabbelt er.

Max und Moritz, immer munter,
Schütteln sie vom Baum herunter.
In die Tüte von Papiere
Sperren sie die Krabbeltiere.

Fort damit und in die Ecke
Unter Onkel Fritzens Decke!
Bald zu Bett geht Onkel Fritze
In der spitzen Zippelmütze;

Seine Augen macht er zu,
Hüllt sich ein und schläft in Ruh.
Doch die Käfer, kritze, kratze!
Kommen schnell aus der Matratze.

Schon faßt einer, der voran,
Onkel Fritzens Nase an.
"Bau!" schreit er. "Was ist das hier?"
Und erfaßt das Ungetier.

Und den Onkel, voller Grausen,
Sieht man aus dem Bette sausen.
"Autsch!" - Schon wieder hat er einen
Im Genicke, an den Beinen;

Hin und her und rundherum
Kriecht es, fliegt es mit Gebrumm.
Onkel Fritz, in dieser Not,
Haut und trampelt alles tot

Guckste wohl, jetzt ist's vorbei
Mit der Käferkrabbelei!
Onkel Fritz hat wieder Ruh
Und macht seine Augen zu.

 

Wilhelm Busch (1832 - 1908)


Gedicht des Monats April

Das Oster- ABC

Alle Vögel singen schon,

Blumen blühn im Garten,

Crocus, Veilchen, Anemon,

Die verschämten, zarten.

 

Eine Amsel schwatzt vom Mai,

Ferne blasen Hörner,

Glocken läuten nahebei,

Hühnchen suchen Körner.

 

Ida flicht sich einen Kranz,

Jakob neckt ein Zicklein,

Küsters Frieda träumt vom Tanz,

Ludwig macht sich piekfein.

 

Mutter Margaretha fährt

Nobel zur Kapelle.

Ottokar, der Mops, verzehrt

Plätzchen auf der Schwelle.

 

Quicklebendig wird's im Haus:

Ruth und Xaver Meier

Suchen fleißig drin und drauß

Taubenblaue Eier.

 

Unterm Bett, in Uhr und Hut,

Vase, Topf und Lade

Wühlen sie. Da findet Ruth

Xavers Schokolade.

 

Ypsilon, ist das nicht nett?

Zett!

 

James Krüss (1926-1997)


Gedicht des Monats März

Tulpe
Tulpe

Die Tulpe

 

Dunkel

war alles und Nacht.

In der Erde tief

die Zwiebel schlief,

die braune.

 

Was ist das für ein Gemunkel,

was ist das für ein Geraune,

dachte die Zwiebel,

plötzlich erwacht.

Was singen die Vögel da droben

und jauchzen und toben?

 

Von Neugier gepackt,

hat die Zwiebel einen langen Hals gemacht

und um sich geblickt

mit einem hübschen Tulpengesicht.

 

Da hat ihr der Frühling entgegengelacht.

 

Josef Guggenmos (1922-2003)


Gedicht des Monats Februar

Der Zauberlehrling

Johann Wolfgang von Goethe (1749 - 1832)

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Ganzer Text der Ballade vom Zauberlehrling
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Gedicht des Monats Januar

🔍

Schneemann
Schneemann

Der Schneemann auf der Straße

Der Schneemann auf der Straße
trägt einen weißen Rock,
hat eine rote Nase
und einen dicken Stock.


Er rührt sich nicht vom Flecke,
auch wenn es stürmt und schneit.
Stumm steht er an der Ecke
zur kalten Winterszeit.


Doch tropft es von den Dächern
im ersten Sonnenschein,
da fängt er an zu laufen,
und niemand holt ihn ein.


Robert Reinick
(1805- 1852)


Gedicht des Monats Dezember

Die Weihnachtsmaus

🔍

 

Die Weihnachtsmaus ist sonderbar
(sogar für die Gelehrten),
Denn einmal nur im ganzen Jahr
entdeckt man ihre Fährten.

 

 

Mit Fallen und mit Rattengift
kann man die Maus nicht fangen.
Sie ist, was diesen Punkt betrifft,
noch nie ins Garn gegangen.

 

 

Das ganze Jahr macht diese Maus
den Menschen keine Plage.
Doch plötzlich aus dem Loch heraus
kriecht sie am Weihnachtstage.

 

 

Zum Beispiel war vom Festgebäck,
das Mutter gut verborgen,
mit einem mal das Beste weg
am ersten Weihnachtsmorgen.

 

 

Da sagte jeder rundheraus:
"Ich hab‘ es nicht genommen!
Es war bestimmt die Weihnachtsmaus,
die über Nacht gekommen!"

 

 

Ein andermal Mal verschwand sogar
das Marzipan von Peter.
Was seltsam und erstaunlich war.
Denn niemand fand es später.

 

 

Der Christian rief rundheraus:
"Ich hab‘ es nicht genommen!
Es war bestimmt die Weihnachtsmaus,
die über Nacht gekommen!"

 

 

Ein drittes Mal verschwand vom Baum,
an dem die Kugeln hingen,
ein Weihnachtsmann aus Eierschaum
nebst and'ren leck'ren Dingen.

 

 

Die Nelly sagte rundheraus:
"Ich hab‘ es nicht genommen!
Es war bestimmt die Weihnachtsmaus,
die über Nacht gekommen!"

 

 

Und Ernst und Hans und der Papa,
die riefen: "Welche Plage!
Die böse Maus ist wieder da
und just am Feiertage!"

 

 

Nur Mutter sprach kein Klagewort.
Sie sagte unumwunden:
"Sind erst die Süßigkeiten fort,
ist auch die Maus verschwunden!"

 

 

Und wirklich wahr: Die Maus blieb weg,
sobald der Baum geleert war,
sobald das letzte Festgebäck
gegessen und verzehrt war.

 

 

Sagt jemand nun, bei ihm zu Haus,
– bei Fränzchen oder Lieschen –
da gäb es keine Weihnachtsmaus,
dann zweifle ich ein bißchen!

 

 

Doch sag ich nichts, was jemand kränkt!
Das könnte euch so passen!
Was man von Weihnachtsmäusen denkt,
bleibt jedem überlassen.

 

James Krüss (1926 - 1997)


Gedicht des Monats November

Gruselett

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Der Flügelflagel gaustert

durchs Wiruwaruwolz,

die rote Fingur plaustert

und grausig gutzt der Golz !

 

                         Christian Morgenstern (1871-1914)


Gedicht des Monats Oktober

Der fliegende Robert

🔍

Wenn der Regen niederbraust,
Wenn der Sturm das Feld durchsaust,
Bleiben Mädchen oder Buben
Hübsch daheim in Ihren Stuben.

 

Robert aber dachte: Nein!
Das muss draußen herrlich sein!
Und im Felde patschet er
Mit dem Regenschirm umher.

 

Hui wie pfeift der Sturm und keucht,
Dass der Baum sich niederbeugt!

Seht! Den Schirm erfasst der Wind,
Und der Robert fliegt geschwind

 

Durch die Luft so hoch, so weit;
Niemand hört ihn, wenn er schreit.

An die Wolken stößt er schon,
Und der Hut fliegt auch davon.

 

Schirm und Robert fliegen dort

Durch die Wolken immer fort.
Und der Hut fliegt weit voran,
Stößt zuletzt am Himmel an.

 

Wo der Wind sie hingetragen,
Ja, das weiß kein Mensch zu sagen.

Heinrich Hoffmann (1809-1894)